Bezirksdiakonie

Denn wir wissen weder Zeit noch Stunde...

Gedanken zur Lage der Flüchtlinge in unserem Kirchenbezirk

 

Alle, die  in den letzten Monaten die Zeitungen und Nachrichten verfolgt haben, wissen um die Millionen Flüchtlinge auf der Welt: 60.000.000 sind auf dem Weg....

Über eine Million Flüchtlinge werden 2015 auch in Deutschland angekommen sein und davon bleiben einige, möglicherweise die Hälfte?, in Deutschland.

Um es gleich zu sagen: Ich fürchte mich nicht davor! Nicht, weil wir genug haben und ich Angst haben müßte, etwas zu verlieren. Sondern weil ich glaube, daß wir als (Mit-) Gewinner aus der Sache hervorgehen.

Zunächst: Unser Grundgesetz gewährt jedem Menschen Schutz vor (politischer, religiöser, gesellschaftlicher) Verfolgung. Dabei sind die meisten uns wohl einig. Aber sind wir uns auch einig, ob wir Zuwanderung und die damit verbundene Veränderung tragen und ertragen können und wollen?

Meine Auslegung der biblischen Geschichten haben mich zu der Überzeugung gebracht, daß eigene Veränderung grundlegend ist für das Leben in der Nachfolge von Jesus Christus: Sich aufmachen, auf die eigene, innere Stimme hören, Gott gehorchen im Tun und Lassen (Abraham), die Fremde selber aufsuchen (Rut) und den Fremden sowieso (Jesus).

Was ich eben so prägnant als Pfarrer genannt habe, hat selbstverständlich viele Ebenen und Aspekte, die ich kurz und wieder ausschnittartig skizzieren möchte:

Keine Sorge vor Überfremdung. So wenig wie in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg die Flüchtlinge aus dem Osten dem Land geschadet haben (im Gegenteil! Denken Sie an die Ökumene, an die vielen guten Ehen und Verbindungen), werden andere Fremde auf immer fremd bleiben. Gibt es jemanden von uns Evangelischen in am See, die länger als in dritter Generation hier evangelisch sind und leben? Was wären wir ohne die Deutschen aus der ehem. Sowjetunion, ohne die Siebenbürger Sachsen? WIR sind die Gewinner. Wir sind und bleiben Flüchtlingsgemeinden....

  Jedes Jahr kommen hunderttausende Arbeitsmigranten aus Mittel- und Osteuropa zu uns nach Deutschland und arbeiten hier.  Merken wir das überhaupt? Denken wir uns noch viel dabei, wenn wir polnisch oder rumänisch sprechende Menschen begegnen, die bei und mit uns arbeiten?

  Mehr Menschen, als wir uns vorstellen können, leben auch schon seit Jahren unter uns in sog. prekären Verhältnissen. In den letzten Wochen höre ich von einigen von Ihnen Sorge um ihr Wohl. „Muß ich erst einen syrischen Paß beantragen, bevor ich passenden, bezahlbaren Wohnraum bekomme?“ Mit diesem Zitat läßt sich die Angst auf den Punkt bringen. Auch hier gilt: Nutzen wir die Entwicklung der letzten Monate, um genauer auch zu den Menschen zu schauen, die links und rechts leben. Vielleicht schaffen wir ein besseres, intensiveres Bewußtsein für andere, gleichwichtige diakonische Themen in unseren Gemeinden: Die Not und Sorgen älterer Menschen, junger Familien, arbeitssuchender oder arbeitsunfähiger Menschen sind genauso wichtig und würdig.

 Immer wieder hören wir „Dublin“, wenn es um die Verteilung von Flüchtlingen geht. Dahinter steht eine europaweite Registrierung und Identifizierung von Flüchtlingen, um für größere Verteilungsgerechtigkeit und weniger Mißbrauch durch schwarze Schafe sorgen soll. Durch die europäische Abgleichung von Fingerabdrücken ist man zügig dazu in der Lage. In Zeiten der Vernetzung eigentlich kein Problem.

In Deutschland ein ganz anderes Bild: Bei den Flüchtlinge, die über die Grenze kommen, nimmt die Bundespolizei die Fingerabdrücke als Erstmaßnahme beim Grenzübertritt ab. Durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (also eine Behörde ebenfalls unter dem Dach des Bundesministeriums des Innern!) passiert das in den Landeserstaufnahmestellen erneut. Beide Abnahmen sind nach wie vor nicht kompatibel....das ist für mich schier unglaublich! Hat man in den letzten Jahren da vieles verschlafen?

Wäre es nicht besser, wenn wir die Arbeitskraft von Flüchtlingen nutzen anstatt dieses Kapital stillzulegen?

     Ob wohl wir in Pfullendorf erst wenige Flüchtlinge beherbergen, wäre es doch gut, wenn wir schon jetzt die Möglichkeit integrativer Maßnahmen prüfen, um nicht die gleichen Fehler derer zu machen, die schon mehr Erfahrungen mit Flüchtlingen haben. Bekommen wir es hin, daß christliche und muslimische Flüchtige gleichermaßen willkommen sind und miteinander auskommen ohne daß der Fluch ihrer Konflikte aus den Heimatländern für uns zu dramatischen, ungeahnten Folgen führt? Schafen wir es, daß die vielen ehrenamtliche Mitarbeiter an EINEM Strang ziehen und Sache über die eigene Person stellen?

Und können wir uns schon jetzt darauf einigen, daß wir mit Flüchtlingen eine klare Integrationsperspektive ( in Bezug auf Dauer, Zugehörigkeit und Bürgerrecht) teilen?

Wenn mehr als die im Moment in Pfullendorf lebenden Flüchtlinge kommen, halte ich es für wichtig, auch auf die Motive der Flucht einzugehen. So wie es das diakonische Werk jetzt schon tut und die vielen hauptberuflich und nebenberuflich in unserer Flüchtlingsarbeit Beschäftigten!

Wir sind eine subsidiär gegliederte Bürgergesellschaft. Daher: Nicht die Politik als Avantgarde einer gelingenden Integration und Inklusion mißinterpretieren, sondern die eigenen Möglichkeiten durch eine effiziente Verwaltung unterstützen lassen.

Ich denke, daß es gut ist, wenn in vielen Gemeinden schon an einem runden Tisch geklärt wurde:

-       Was wir haben,

-       Was wir können,

-       Was uns Sorge macht,

-       Was unsere Chancen sind,

-       Welche Konflikte kommen könnten,

-       Und wie wir sie lösen und anpacken können.

 

Danke an alle an dieser Stelle, die schon mitanpacken.

Denn wir wissen weder Zeit noch Stunde bis Menschen zu uns kommen, die unsere Hilfe brauchen. Oder wir in die Lage kommen, vielleicht selber mal Flüchtling zu werden.

 

Ihr

Hans Wirkner

Bezirksdiakoniepfarrer